Blick aufs Meer und Antinoris Weingut Le Mortelle Blick aufs Meer und Antinoris Weingut Le Mortelle

Maremma


Gleich neben dem berühmten Bolgheri mausert sich ein junges Weingebiet zum nächsten grossen Ding. Der Küstenstreifen der Maremma Grossetana ist wunderbar unentdeckt. Das gilt auch für die Weine – noch.

Kaum zu glauben, aber das hier war alles mal malaria- verseuchtes Sumpfgebiet.» Georgia Dimitriou lässt den Blick über die weite Ebene schweifen. Wir stehen mit staubigen Schuhen im Rebberg, vor uns Felder, das Naturreservat Diaccia Botrona, ein Streifen Pinienwald und dann: das azurblaue Meer! Georgia ist Chefönologin auf dem Weingut Le Mortelle und, wie es ihr Name schon vermuten lässt, gebürtige Griechin. «Seit fünf Jahren ist die Maremma meine Heimat. Das Klima, das Meer und die Mentalität der Leute erinnern mich an zu Hause.» Der Grund, warum die studierte und weit gereiste Winzerin und Önologin, die zuletzt auf dem prestigeträchtigen Château Beauregard in Pomerol wirkte, sich in Italien niederliess, ist aber ein anderer: Wein, natürlich. Denn kaum eine andere Region Italiens wird derzeit so heiss gehandelt wie die Südküste der Toskana. Mit der Trockenlegung der Sümpfe verschwanden die Malariamücken. Ein über Generationen dauerndes Unterfangen, das Mitte des 19. Jahrhunderts unter dem Grossherzog Leopoldo II begann und nach dem Zweiten Weltkrieg endlich gelang – und weite Teile der Ebene für Landwirtschaft und Weinbau nutzbar machte. Und während das Landesinnere der Toskana vom Tourismus überrannt wurde, ist der Küstenstreifen noch immer wild und weit und wunderbar unentdeckt. «In unseren Wäldern leben Wölfe, Füchse, Wildschweine.»


Karte der Maremma in der Toskana Karte der Maremma in der Toskana


Alles begann mit Bolgheri

Aus geografischer Sicht erstreckt sich die Maremma grob gesagt vom Dorf Cecina südlich von Livorno bis zur Grenze zum Latium. «Sprechen wir heute vom Weingebiet Maremma, meinen wir meist die Maremma Grossetana, also den südlichen Teil mit der doc Maremma Toscana und ihren 8700 Hektar Rebland.» Erstmals ins Scheinwerferlicht rückte die Gegend aber durch ein kleines Dörfchen, etwas weiter nördlich: Bolgheri – in der Provinz Livorno. Ein gewisser Marchese Mario Incisa della Rocchetta experimentierte auf seiner Tenuta San Guido mit den typischen Traubensorten des Bordeaux: Cabernet Sauvignon und Cabernet franc. Sohn Nicolò brachte den «Hauswein der Familie» Jahre später auf den Markt. Der Sassicaia, Jahrgang 1968, schlug ein wie eine Bombe und ging als erster Supertoskaner in die Geschichte ein. «Die berühmten Weine von Bolgheri haben den Fokus, der bislang immer auf das Landesinnere der Toskana gerichtet war, zweifelsohne in Richtung Küste erweitert», sagt Georgia Dimitriou.

VIVIA

Der Name steht nicht nur für die Rebsorten Vermentino, Viognier, Ansonica. Vivia heisst auch Piero Antinoris Enkeltochter. Der Wein: zart, frisch und mit herrlichem Bergamotteduft.



Keller von Antinoris Weingut Le Mortelle Keller von Antinoris Weingut Le Mortelle

Oben die Traubenannahme, unten der Ausbau: Dank der Schwerkraft muss der Wein nicht umgepumpt werden. Das spart Energie.

Schwerkraft spart Energie

Marchese Antinori kaufte Le Mortelle 1999 und baute den ehemaligen Obstbaubetrieb in den folgenden zehn Jahren in ein Weingut mit 180 Hektar Rebland aus. Die Tenuta wird als ökologisches Gesamtprojekt geführt, inklusive Ausgleichsflächen für Flora und Fauna. Biozertifiziert sind die Weine nicht, gespritzt wird aber sehr zurückhaltend – und möglichst biologisch. Und was für die Natur gilt, zieht sich in der Cantina weiter. Georgia nimmt uns mit in den Barriquekeller. Es duftet intensiv nach frischem Holz und Rotwein. Die Mauern sind aus rohem Fels, nach oben führt eine elegante Wendeltreppe – quasi direkt in den blauen Himmel. «Die Cantina wurde tief in den Hügel gebaut, damit wir die temperaturausgleichende Wirkung des Gesteins voll ausnutzen können.» Der Wein entsteht über drei Etagen: zuoberst die Traubenannahme, in der Mitte die Edelstahltanks für die Gärung, zuunterst der Fasskeller mit mit den Barriques. «Dank der natürlichen Schwerkraft müssen wir den Wein nicht umpumpen. Das ist besser für die Qualität – und spart einen Haufen Energie.» Für sie als Weinmacherin sei Nachhaltigkeit alternativlos, der Respekt vor der Umwelt aus ökologischen, aber auch aus technischen Gründen von grosser Bedeutung: «Je mehr wir in Harmonie mit unserem Terroir arbeiten, desto mehr Ausdruck gewinnen wir für unsere Weine.»


«Das warme Klima der Maremma führt zu vollmundigen Cabernets.»

Unterschrift von Georgia Dimitriou Unterschrift von Georgia Dimitriou
Önologin Georgia Dimitriou von Le Mortelle Önologin Georgia Dimitriou von Le Mortelle

Georgia Dimitriou
Önologin



Die nächste Weinikone

Genau, die Weine. Wie die Supertoskaner aus Bolgheri basieren die Mortelle-Gewächse auf internationalen Sorten und Blends im Bordeaux-Stil. Georgia Dimitriou entnimmt mit einer langen Pipette eine Probe aus dem Eichenfass, schnuppert am Glas. «Mit den Cabernets von der französischen Atlantikküste haben unsere Weine wenig gemein. Zwar liegen beide Regionen am Meer, aber das wärmere Klima der Maremma führt zu vollmundigeren Cabernets mit höherem Alkoholgehalt und weniger Säure, ähnlich wie in Kalifornien und Bolgheri.» In der Nase dominieren krautige Aromen wie Eukalyptus und Lavendel, schwarze Früchte, Lakritze und würzige Nuancen. Die Tannine sind von grosser Reife, aber im Vergleich zu den anderen Gebieten etwas feiner – was zu delikaten, eher üppigen Cabernets führt. Marchese Piero Antinori sieht den Poggio alle Nane gar als die nächste Weinikone. Und Giorgia Dimitrious Lieblingswein? «Hmm, schwierig. Wenn ich mich aus emotionalen Gründen für einen entscheiden müsste, wäre das der Ampio. 2015 war der erste Jahrgang – und 2015 mein erstes Jahr auf Le Mortelle.» Ein ehrgeiziger Wein für ein relativ junges Weingut. Und ein Wein, der Zeit braucht, um seinen Charakter zu offenbaren. Aber dann … Die Antinoris wissen eben schon, wie man super Toskaner macht!

Ampio delle Mortelle

Das Paradepferd von Le Mortelle verdankt seinen Namen dem Fluss Ampio, welcher durch das Weingut fliesst. Ein komplexer Solitär aus den allerbesten Trauben der Tenuta.




Botrosecco

Zugängliche Cuvée aus den beiden Hauptsorten auf Le Mortelle: Cabernet Sauvignon und Cabernet franc. Aromen von roten Früchten, Minze und Tabak, weiche Tannine.

Poggio alle Nane

Für Piero Antinori der nächste Tignanello! Eleganter Blend auf Cabernet-Basis, komplettiert mit dem samtigen Charakter der Carménère-Traube. Grosses Alterungspotenzial.


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