Luftaufnahme des Dom Santa Maria del Fiore und FlorenzLuftaufnahme des Dom Santa Maria del Fiore und Florenz

Unterwegs


Am Anfang war der Wein. Doch längst verbindet die toskanische Adelsfamilie Antinori und die Familie Bindella eine Freundschaft, die weit übers Geschäft hinausgeht. Albiera Antinori empfängt Rudi Bindella jr. in Florenz – für ein Rendezvous mit der Vergangenheit.

Fingerdick ruht Staub auf den Flaschen im Regal hinter dem Tresen, ein Strahl Mittagssonne fällt durchs Fenster der Vinoteca Riserva di Palazzo. «Villa Antinori», sinniert Rudi Bindella jr., schwenkt den Rotwein im Glas, schnuppert daran. «Damit hat für mich alles angefangen. » Als Kind zu Tisch sei ihm das Etikett aufgefallen, das Abbild des majestätisch anmutenden Landhauses im Stil des 16. Jahrhunderts. Sein Grossvater importierte die Weine des toskanischen Traditionsguts Anfang der 1950er Jahre als erster in die Schweiz. Heute pflegen Bindellas und Antinoris – neben Weinhandel, Restaurantprojekten und dem Flair für Dolce Vita – eine über die Jahre gewachsene Freundschaft.

In den Trattorien von Florenz holt sich Rudi Bindella jr., der die Gesamtverantwortung über die Bindella-Gastronomie trägt, gern und oft Inspiration. Bei dieser Gelegenheit hat ihn Albiera Antinori – sie schreibt als Verwaltungsratspräsidentin die jüngeren Kapitel des in der 26. Generation (!) geführten Familienbetriebs mit – in «ihren» Palast inmitten der Altstadt eingeladen. Schwester Allegra bewohnt das Obergeschoss des ehrwürdigen Baus, in den die Marchesi 1506 einzogen. «Florenz ist für mich mit Paris die erste Stadt der Liebe und der Romantik», sagt Rudi Bindella jr. «Mich erdet die Stadt», entgegnet die Gastgeberin, «weil sie mich permanent daran erinnert, wie eng meine eigenen Wurzeln mit ihrer Geschichte verknüpft sind. Komm mit!», fordert sie den Zürcher auf, «ich zeige sie dir!»

Albiera Antinori und Rudi Bindella jr. degustieren einen RotweinAlbiera Antinori und Rudi Bindella jr. degustieren einen Rotwein

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Stadtplan von Florenz mit den wichtigsten SehenswürdigkeitenStadtplan von Florenz mit den wichtigsten Sehenswürdigkeiten

Die Zeitreise beginnt in der Officina Profumo- Farmaceutica di Santa Maria Novella mit einem Schaumbad für die Sinne: In einer abgedunkelten Wandelhalle spielt Loungemusik, über den Köpfen wuchert ein Dickicht an getrockneten Blumen. Ein Duft, in dem man schwimmen möchte! Auch optisch hat sich die Apotheke adrett hergerichtet für ihr Geburtstagsfest. Vor genau 800 Jahren begannen Dominikanermönche des Konvents, in diesen Räumlichkeiten Heilkräuter aus dem Klostergarten zu Salben und Balsam zu verarbeiten. Die Parfüms der Apotheke trugen später zum Weltruf des Florentiner Feinhandwerks bei. Genauso wie die Antinoris mit ihrem Wein. Und die Goldschmiede am Ponte Vecchio.


Kirche Santa Maria Novella in FlorenzKirche Santa Maria Novella in Florenz

Zur Kirche Santa Maria Novella gehört die wohl berühmteste Apotheke der Welt.

Albiera Antinori und Rudi Bindella jr. in der Wandelhalle der «Officina Profumo- Farmaceutica di Santa Maria Novella»Albiera Antinori und Rudi Bindella jr. in der Wandelhalle der «Officina Profumo- Farmaceutica di Santa Maria Novella»

Wandelhalle der «Officina Profumo- Farmaceutica di Santa Maria Novella»


Apotheke «Officina Profumo- Farmaceutica di Santa Maria Novella» in FlorenzApotheke «Officina Profumo- Farmaceutica di Santa Maria Novella» in Florenz

Officina Profumo- Farmaceutica
di Santa Maria Novella

1221 eröffneten Mönche der Santa Maria Novella eine der ältesten Apotheken der Welt, wo bis heute ausschliesslich natürliche Rohstoffe in traditionellen Verfahren zu Heil- und Kosmetikprodukten verarbeitet werden.

Via della Scala 16
smnovella.com



Sightseeing-Safari am Arno

Neben einem Postkartenpanorama auf die Brücke bietet die Terrasse des Hotel Lungarno belebenden Espresso. «Und das vorbeifliessende Wasser beruhigt mich, wenn mir die innenstädtische Hektik über den Kopf wächst.» Die Sonnenbrille ins Haar gesteckt, weist Albiera Antinori über den Arno. «Der Ponte Vecchio war 1345 die erste Brücke von Florenz», erzählt sie. Grossherzog Fernando I. habe die Häuschen dann für Juweliere reserviert. Gleich dahinter streckt sich der Torre di Arnolfo des wuchtigen Palazzo Vecchio gegen Himmel. Mit dem Prestigebau an der Piazza della Signoria zementierten die Kaufleute und Zünfte Anfang des 13. Jahrhunderts ihre Macht, er dient bis heute als städtisches Rathaus – und der Neptunbrunnen davor für Selfies im Minutentakt.


Blick auf den «Palazzo Vecchio» in FlorenzBlick auf den «Palazzo Vecchio» in Florenz

Klotzen, nicht kleckern: der Palazzo Vecchio.


Nein, vom Turm oben habe er die Stadt noch nie betrachtet, gesteht Rudi Bindella jr. Auch den ikonischen Dom Santa Maria del Fiore – Pflichtprogramm einer jeden Sightseeing-Safari am Arno – kenne er nur von aussen. Das, findet die völlig perplexe Albiera Antinori, müsse sie ändern. Sofort. In Schwärmen schwirren handybewaffnete Instagrammer um das 1434 fertiggestellte Resultat eines architektonischen Muskelspiels mit der Konkurrenz aus Siena und Pisa: üppig verziert, 153 Meter lang, eine Kuppel mit dem Durchmesser des Pantheons von Rom. Und vor dem Portal eine Warteschlange, die fast bis nach Apulien reicht. Ernüchtert erspart Albiera Antinori ihrem Gast das Anstehen, schielt dafür zu den Pferden eines Kutschengespanns, die ihr Hafer mit Tauben teilen. «Wäre ich in eine andere Familie hineingeboren», verrät die 54-Jährige, «wahrscheinlich hätte ich heute mit Tieren zu tun.» Während andere Yoga machten, entspanne sie auf dem allmorgendlichen Ausritt auf dem Rücken ihres Rappen Harley in der Nähe der Antinori-Rebberge, gut 30 Autominuten ausserhalb. Rudi Bindella jr. überlegt kurz. «Ich glaube», erwidert er, «ich wäre sowieso im Gastgewerbe gelandet. Konzepte ausarbeiten, Räume gestalten – da blühe ich total auf.»

Albiera Antinori und Rudi Bindella jr. unterwegs in FlorenzAlbiera Antinori und Rudi Bindella jr. unterwegs in Florenz

Albiera Antinori unterwegs mit Rudi Bindella jr.


Albiera Antinori und Rudi Bindella jr. vor dem «Dom Santa Maria del Fiore» in FlorenzAlbiera Antinori und Rudi Bindella jr. vor dem «Dom Santa Maria del Fiore» in Florenz

Direkte Sicht auf den Ponte Vecchio.



Aussicht vom Hotel Lungarno auf den «Ponte Vecchio» in Florenz Aussicht vom Hotel Lungarno auf den «Ponte Vecchio» in Florenz

Direkte Sicht auf den Ponte Vecchio.

Hotel Lungarno

Das Nobelhotel schmückt sich mit dem Privileg des einzigen Fünfsternehauses direkt am Arno. Nach 50-jährigem Bestehen erfuhr das Hotel 2017 eine Renovation. Auf der Terrasse gegen den Fluss hin trinken Touristen wie Einheimische gern einen Kaffee und verschnaufen vom Gewimmel im Zentrum.


Borgo San Jacopo 14
lungarnocollection.com


Schwein gehabt

Eine weitere tierische Begegnung ergibt sich am Mercato Nuovo. Dem bronzenen Glücks-Wildschwein Porcellino legt Albiera Antinori, die mit jungen 18 in den Familienbetrieb einstieg, eine Münze ins Maul. «Für eine ertragreiche Ernte!»


Albiera Antinori und Rudi Bindella jr. besuchen das bronzene Glücks-Wildschwein in FlorenzAlbiera Antinori und Rudi Bindella jr. besuchen das bronzene Glücks-Wildschwein in Florenz

Bringt Schwein und hoffentlich eine gute Ernte:
der bronzene Porcellino.


Die vergorenen Trauben bilden seit Jahrhunderten das Kerngeschäft der Antinoris, die zuvor dank Seidenhandel zu Ruhm und Reichtum gelangt waren und schliesslich 1385 der Winzerzunft beitraten. «Die Gunst des Hochadels führte dazu, dass wir zu Marchesi aufstiegen», erklärt sie beim Intermezzo unter den Sonnenschirmen des Bistro Procacci, wie die Antinoris eine Florentiner Institution. Zum mit Heisswasser gestreckten Americano («ja, das machen wir hier so») bestellt sie die obligate Procacci-Spezialität, welche sich im 19. Jahrhundert sogar der König an den Hof liefern liess: Trüffelcrème-Sandwiches. Dass im Schaufenster der Rosato «Furia di Calafuria» des zu Antinori gehörenden Weinguts Tormaresca prangt, ist kein Zufall. Sie haben das Procacci gekauft. Oder wie Albiera Antinori es formuliert: gerettet. Um zu verhindern, dass es wie viele Traditionsbetriebe dem Flagshipstore einer internationalen Fashionmarke weicht. «Die Bücherei, eine Parfümerie, nach und nach kollabieren sie vor steigenden Mieten. Das lokale Gewerbe stirbt aus», befürchtet sie. Rudi Bindella jr. relativiert: «Andere hingegen mutieren selbst zu globalen Brands, gerade im Modebereich.» Er denkt beispielsweise an Salvatore Ferragamo. Beim Lederschuh- Zampano an der Piazza Trinità kauften in den Fünfzigern Hollywood-Diven wie Marilyn Monroe und Greta Garbo. Zusammen mit den Taschen, Gürteln und Geldbörsen geht sein Name um die Welt.



Albiera Antinori und Rudi Bindella jr. bei einem Espresso im Bistro Procacci in FlorenzAlbiera Antinori und Rudi Bindella jr. bei einem Espresso im Bistro Procacci in Florenz

Espresso und ein Kännchen heisses Wasser:
Americano-Pause im Procacci.


Gut getrüffelte Sandwiches des Procacci in FlorenzGut getrüffelte Sandwiches des Procacci in Florenz

Gut getrüffelt: die legendären Sandwiches des Procacci.


Besuch des weltbekannten Bistro Procacci in FlorenzBesuch des weltbekannten Bistro Procacci in Florenz

Bistro Procacci

Für den längeren oder kürzeren Pitstop: Kaffee, Wein und vor allem die Hausspezialität: Trüffelcrème mit königlichem Zertifikat. Vittorio Emanuele III. bestellte sich diese anno 1925 tatsächlich an den Hof.

Via de’ Tornabuoni 64R
procacci1885.it



Albiera Antinori und Rudi Bindella jr. bestaunen die Auswahl des Acrylglas-Künstlers Mario Luca Giusti

Mario Luca Giusti

Die bruchfesten «Diamante»- Acrylbecher gehören zum Grundinventar auf den Yachten des italienischen Jetsets. Und selbst Hollywood-Grössen kaufen die hochwertigen, oft skurril geformten Accessoires des in Florenz geborenen Designers. Erst 2007 gründete Mario Luca Giusti sein eigenes Geschäft. Es geniesst bereits Kultstatus, weit über die Toskana hinaus.

Via della Vigna Nuova 88
artedona.com



Albiera Antinori weiss einen anderen Florentiner, der auf bestem Weg zu ähnlichem Status ist: Die Boutique des einheimischen Acrylglas-Künstlers Mario Luca Giusti avancierte jüngst zur Pilgerstätte ästhetisch anspruchsvoller Souvenirjäger, auch Starregisseur Steven Spielberg zählt zu den Kunden. «Aber die besten Mitbringsel aus Florenz sind immer noch Delikatessen.» Speziell jene der Salumeria Terziani legt sie dem Gastronomen ans im Angesicht der Auslage höher schlagende Herz. Die Stammkundin kauft im bald 45-jährigen Quartierladen russischen Salat und Vitello Tonnato, auch der Käse sei ausgezeichnet. Rudi Bindella jr. hat derweil nur Augen für die rauchig duftenden Salame. Und allmählich Hunger.


Reichhaltige Auslage in der Salumeria Terziani, FlorenzReichhaltige Auslage in der Salumeria Terziani, Florenz

Salumeria Terziani

Der bei Anwohnern sehr beliebte Quartierladen ist im Trubel der Altstadt leicht zu übersehen – was Gourmets unbedingt vermeiden sollten! Das gut sortierte Angebot des Feinkostgeschäfts umfasst neben Wurstwaren, Florentiner Fegato (gehackte Leber) oder Vitello Tonnato auch Käse und frische Pasta.

Via della Spada 46


In der Fussgängerzone kämpfen Touristenfallen mit Schleuderpreisen und Neonlicht um Kundschaft. «Fusion- Küche scheint zu boomen», stellt der Experte fest, also kulinarische Einflüsse aus Asien, Lateinamerika … Aber er tendiere nach dem schweisstreibenden, von Lokalkolorit geprägten Spaziergang zur von ihm so liebgewonnenen toskanischen Küche. Ein Steilpass zu einem Heimspiel für Albiera Antinori: Die Cantinetta Antinori, das Restaurant des Palazzo, zelebriert im Kontrast zum Fusion-Trend rundum unbeirrt die Regionalität. Rezepte alla Nonna, möglichst wenige, möglichst erlesene Zutaten.

Vorbei an einer mit Fiasco-Flaschen vollgeladenen Kutsche führt sie Rudi Bindella jr. in den Innenhof, eine Oase inmitten des Gewusels draussen. Die Tomaten- Brotsuppe gerät zum tiefroten Gemüsegedicht. Und die Pici mit Datteltomaten und Stracciatella? «Wie vor einer Stunde gemacht», schwärmt Rudi Bindella jr. «Was hält die Dame eigentlich von unserer Schweizer Küche?», erkundigt er sich zwischen zwei Bissen. Die habe sie, antwortet Albiera Antinori, während ihrer zahlreichen Besuche – etwa zum Skilaufen in Gstaad – ebenfalls schätzen gelernt. «Vor allem diese, wie nennt ihr es doch gleich, Rosti? Rösti?»


Rudi Bindella jr. bewundert die historischen Räume des Palazzo AntinoriRudi Bindella jr. bewundert die historischen Räume des Palazzo Antinori

Das Beste zum Schluss

Unsere nächste Station ist eine ganz besondere: Squero di San Trovaso, die letzte Gondelwerkstatt im historischen Stadtzentrum. Eigentlich hat hier niemand Zutritt. Auch fotografieren dürfen wir auf keinen Fall, doch der Besuch brennt sich in unser Gedächtnis ein. Während Vater und Sohn schweigend arbeiten, erklärt uns die Tochter das Handwerk. Aus sieben verschiedenen Hölzern besteht eine Gondel, sie wird auf einem hundert Jahre alten Gerüst ohne Bauplan nur aus dem Kopf gebaut. 500 Kilo wiegt so ein Boot und hält circa 40 Jahre. Einst durchkreuzten 10'000 Gondeln die 175 Kanäle der Stadt, heute sind es noch 500. Es sind lebende Zeitzeugen. Die Handwerkerfamilie, die sie fertigt und pflegt, könnte ein Vermögen mit Eintrittsgeldern machen. Stattdessen macht sie einfach ihre Arbeit. «Das ist das wahre Venedig», sagt Vittorio sichtlich ergriffen. «Es ist gemacht aus Fleiss, aus Schweiss, aus Opfern. So ein junges Mädchen könnte rausgehen in die Welt, jeden Abend Party machen. Stattdessen bleibt sie hier und führt die Tradition fort.»




Rustikale Weinetikette des Villa Antinori von 1974Rustikale Weinetikette des Villa Antinori von 1974

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