Barriquefässer in einem Steinkeller eines Weinguts Barriquefässer in einem Steinkeller eines Weinguts

Chianti Classico


Chianti-Weine waren einst schwer im Trend. Doch mit jeder Korbflasche mehr sank das Ansehen von Italiens ältester Weinbauregion. Die Qualitätswende kam in den 1970er Jahren mit Marchese Piero Antinori und seinem Supertoskaner Tignanello – und liess auch im Chianti Classico keinen Stein mehr auf dem anderen. Der Spitzenwein Badia a Passignano ist der bemerkenswerte Höhepunkt dieser Renaissance.

Das schwere Holztor öffnet sich mit einem tiefen Knarren. Kühle Frische schlägt uns entgegen. In die Nase steigt der Geruch von altem Keller, feuchtem Holz, Rotwein. «Che profumo, no?», Marcello Crini lächelt seelig. Zu den Schätzen von Badia a Passignano führt an ihm kein Weg vorbei. Denn er ist nicht nur einer der wenigen, die einen Schlüssel zur Cantina besitzen. Er ist seit 25 Jahren auch Patron der gutseigenen Osteria di Passignano: moderne Toskana-Küche, radikal saisonal, ein Michelin-Stern. «Sämtliche Gemüse, die wir verarbeiten, kultivieren wir hier im Hof. Also keine Zucchiniblüten zu Weihnachten.» Und: Nur wer in der Osteria eine Tischreservation hat, darf auch in den Chianti-Classico-Reifekeller.

Karte vom Chianti-Gebiet in der Toskana Karte vom Chianti-Gebiet in der Toskana

«Der Keller hier ist schön zum Anschauen, aber unpraktisch zum Arbeiten.»

Marcello Crini, Patron der gutseigenen Osteria di Passignano Marcello Crini, Patron der gutseigenen Osteria di Passignano

Marcello Crini
Patron der gutseigenen Osteria di Passignano


Alte Weinflaschen im Keller gelagert Alte Weinflaschen im Keller gelagert

Ein schwarzer Hahn bürgt für Topqualität: der Gallo nero auf dem Flaschenhals der Chianti-Classico-Weine.

Qualität auf Tauchgang

Chianti Classico ist nicht gleich ­Chianti. Letzteres erstreckt sich über die halbe Toskana. Historische Heimat ist jedoch das Chianti Classico zwischen Florenz und Siena, das Cosimo III., Grossherzog der Toskana, 1716 offiziell als solches abgrenzte. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als alle Welt Chianti trinken wollte, begannen die Winzer, auch ausserhalb der eigentlichen Chianti-Classico-Zone Wein herzustellen. Für die Marke ein Super-GAU. Die zweite Misere folgte in den 1960er Jahren, nachdem in Italien die «mezzadria», die Halbpacht, abgeschafft wurde. Zwar waren die Bauern fortan von ihren Grossgrundbesit­zern befreit, doch fehlten ihnen die Mittel, die Höfe zu kaufen, die sie zuvor gegen die Hälfte des Ertrags von ihren Besitzern gepachtet hatten. Die Folge: Landflucht, leerstehende Höfe, verwaiste Dörfer, Armut. Gefundenes Fressen für Geschäftsleute aus der Stadt und ausländische Investoren, die die Weingüter kauften und die Produktionsmengen hochschraubten. Masse statt Klasse. Der Wein in der damals populären Korbflasche wurde dünn und dünner.



Ein Supertoskaner und die Wende

«Die Qualitätswende kam mit Marchese Piero Antinori. Er glaubte an das Potenzial des Sangiovese. Und ans Terroir des Chianti Classico», erzählt Marcello Crini. Piero ­Antinori ist der Patron der wohl wichtigsten Winzerfamilie Italiens. Ein Visionär. Anfang der 1970er Jahre experimentierte der Marchese im Herzen des Chianti mit Sangiovese. Er liess den Wein in der Barrique reifen und strich den damals vorgeschriebenen Weissweinanteil aus der Cuvée. Sein Tignanello, Jahrgang 1971, schlug ein wie eine Bombe. Doch der Wein durfte laut Gesetz nicht mehr Chianti Classico heissen, und so brachte er den Spitzenwein als simplen Tafelwein auf den Markt. Die Geburtsstunde der Supertoskaner.

Dies hatte auch Einfluss auf den traditionellen Chianti Classico. Denn auch andere Winzer schenkten dem lokalen Sangiovese wieder mehr Beachtung, experimentierten mit internationalen Sorten wie Cabernet und Merlot, reduzierten die Erträge. Die Qualität des Chianti Classico stieg ab den 1980er Jahren kontinuierlich an, doch entsprachen auch die ­Chianti-Weine nicht mehr den ursprünglichen Produktionsvorschriften. Ab 1984 passte das Consorzio Vino Chianti Classico die Gesetze nach und nach an. Heute gilt: mindestens 80 Prozent Sangiovese, internationale Varietäten erlaubt, weisse Sorten verboten. Qualitätssiegel auf dem Flaschenhals ist der berühmte Gallo nero, der schwarze Hahn. 2013 wurden Annata und Riserva um eine dritte Qualitätsstufe ergänzt: Gran Selezione, die Spitze der Pyramide.

Badia a Passignano

So muss eine Gran Sele­zione sein: klar, gradlinig und präzise. Aromen von reifen Kirschen, frische Blüten, Gewürznelken und Zartbitterschokolade. Lange nachklingendes, saftig-elegantes Finale. Grandios!



Pèppoli

Duftet intensiv nach schwarzen Beeren, dunkler Schokolade, Veilchen. Im Gaumen schmeichelhaft und lebendig mit der typischen Sangiovese-Saftigkeit und präsenten, perfekt eingebundenen Gerbstoffen.



Villa Antinori Riserva

Klares Bouquet mit Noten von reifen Kirschen, Brombeeren, Leder, ein Hauch Pfefferminze. Im Gaumen gehaltvoll und herrlich komplex mit fein geschliffenen Tanninen und Aromen von Schokolade und Holz.

Sangiovese bleibt König

«Die Erfindung der Supertoskaner war eine Revolution, die Renaissance des Chianti Classico eine Evolution», sagt ­Renzo Cotarella, CEO und Chefönologe von Antinori. Er geht seit 40 Jahren an der Seite von Patron Marchese Piero Antinori und ist längst selbst eine Legende. Und: Er hat die Qualitätswende im Herzen der Toskana ganz entscheidend mitgeprägt. «Ti­gnanello war der Beweis, dass wir im Chianti Classico grosse Weine produzieren können – damals in den 1970er Jahren eine völlig neue Denkweise. Zu dieser Zeit betrug der Weinkonsum in Italien mehr als hundert Liter pro Kopf und Jahr. Die Winzer wollten also vor allem Wein herstellen. Ob der auch gut war, stand auf einem anderen Blatt.»

Mit dem Verzicht auf weisse Trauben und der Einführung roter internationaler Sorten brachte Marchese Piero ­Antinori das ursprüngliche Chianti-Gebiet zurück auf die Weinlandkarte. Doch anders als bei den Supertoskanern mit ihrem starken Fokus auf internationale Kompositionen – Sassicaia ist Cabernet in Purezza, im Tignanello fliessen 30 Prozent internationales Blut – wollte er für den Chianti Classico an der historischen DNA festhalten. Und das hiess Sangiovese. «Internationale Sorten sind wunderbar, haben aber auch die Tendenz, den filigranen Sangiovese etwas zu überdecken», sagt Renzo Cotarella. Er ist sogar der Meinung, dass die heute erlaubten 20 Prozent internationale Trauben für einen guten Chianti Classico zu viel sind.


«Die Erfindung der Super­toskaner war eine Revolution, die Renaissance des Chianti Classico eine Evolution.»

Renzo Cotarella, CEO und Chefönologe von Antinori Renzo Cotarella, CEO und Chefönologe von Antinori

Renzo Cotarella
CEO und Chefönologe von Antinori


Ein Wein mit Anmut

Ein guter Chianti Classico? Für Renzo Cotarella ist er reich an Geschmack, ohne schwer zu sein. «Es ist ein Wein mit lebendiger Eleganz, der die charakteristische Frucht der Sangiovese-­Traube bewahrt. Ein Wein mit Anmut.» Und auch wenn der Chianti Classico mit Blick auf die lange Geschichte ziemlich alt sei, bleibe er in seinem Stil jung und modern. «Seine Intensität, Lebendigkeit, Mineralität ist wirklich einzigartig. Ich möchte nicht sagen, dass der Chianti Classico der beste Ausdruck des Sangiovese ist, aber er hat sicher eine Modernität, die in der toskanischen Sangiovese-Landschaft einzigartig ist.» Darum ist er auch ein leidenschaftlicher Verfechter der neuen Qualitätsstufe Gran Selezione und dem nächsten grossen Schritt, der aktuell zur Debatte steht: der Einführung von Gemeinde-Klassifizierungen nach französischem Vorbild. 


«Das Chianti Classico ist ein Gebiet, das in Bezug auf die verschiedenen Bedingungen, auf Klima, Höhenlage, Exposition, sehr komplex ist. Mit der Gemeinde-Klassifizierung hätten wir die Möglichkeit, verschiedene Chianti Classici zu produzieren, alle basierend auf Sangiovese, aber mit völlig unterschiedlichen Stilistiken. Kurz: Weine mit Charakter und ­Seele.» Es gebe nur ganz wenige Gebiete auf der Welt, die dazu in der Lage seien, Burgund, Barolo – und eben Chianti Classico.


Menü