Blick auf die Ausgrabungsstätten von Pompeji Blick auf die Ausgrabungsstätten von Pompeji

Masi-Jubiläum


Sandro Boscaini, Patron des Hauses Masi. Sandro Boscaini, Patron des Hauses Masi.

Im Dienste seiner Reben: Sandro Boscaini, Patron des Hauses Masi.

250 Jahre und kein bisschen müde: Seit 1772 pflegt die Familie Boscaini ihren Stammrebberg Vaio dei Masi im Valpolicella. Das Jubiläum feiert sie mit einem Amarone der Extraklasse. Wir entlockten Patron Sandro Boscaini die Geheimnisse dieses Tropfens.

Sandro Boscaini hat einen ungemein sympathischen Zug. Der Mann, der als Mister Amarone bekannt ist, schmückt sich nicht gern mit fremden Federn. Der Name Amarone? Es heisst, den habe die Genossenschaft von Negrar erfunden, Anfang des 20. Jahrhunderts. Und ja, das scheine ihm sehr plausibel. Nein, seine Vorfahren hätten dabei keine Rolle gespielt. Doch als die Bezeichnung «Amarone della Valpolicella» 1990 im italienischen Gesetz verankert wurde, da war er doch federführend, oder? «Nun, ich habe mich natürlich dafür eingesetzt», sagt er schlicht. In Wahrheit hat Sandro Boscaini, Kopf des Traditionshauses Masi, vielleicht mehr für den Amarone getan als jeder andere Mensch. Doch aus seinem Mund würde man ein solches Statement nie hören. 2022 begeht die Familie Boscaini ein grosses Jubiläum: den 250sten Jahrgang aus ihrem Stammweinberg Vaio dei Masi. Zweieinhalb Jahrhunderte Weingeschichte, Kontinuität, Erfolg – dafür braucht es vieles. Egozentrik gehört offenbar nicht dazu.

Flashback ins Jahr 1772. Ein junger Boscaini, geboren in Gagagnaro im Valpolicella, übernimmt als Erster in der Familie die Bearbeitung des Weinbergs Vaio dei Masi. Es ist ein wunderschöner Rebberg in 370 bis 400 Metern Höhe, mit Ausblick nach West-Südwest, Richtung Spätnachmittagssonne. Die Terrassen sind noch heute gesäumt von natürlichen Grashängen und alten Trockensteinmauern. Geld gibt’s in den Anfangszeiten für die Arbeit nicht. Stattdessen, auch nicht schlecht, Wein und Olivenöl. Und dann, zwei Generationen später, eine viel grössere Belohnung: Durch Heirat geht der Weinberg Vaio dei Masi in den Besitz der Boscainis über. 1888 zügelt die Familie nach Sant’Ambrogio, wo sie eine Kellerei in die Nähe der Eisenbahnlinie baut. Dort liegt seitdem der Stammsitz des Unternehmens. Übrigens, bis in die 1960er Jahre hiess die Firma noch nach den Boscainis. «Mein Vater benannte sie in Masi um, nach unserem ältesten Weinberg eben», erzählt Sandro Boscaini. Inzwischen teilen sich die sechste, siebte und achte Generation die Verantwortung im Unternehmen. 


Nur 2500 Flaschen – nummeriert

250 Jahre also – das will gefeiert werden! Und wie ginge das besser als mit einem Jubiläumswein? Amarone natürlich. Das Besondere: Der Tropfen stammt aus dem Filetstück des Rebbergs Vaio dei Masi. Mehr noch, zum Zeitpunkt des Jubiläums ist er bereits 25 Jahre alt. Die Trauben wurden 1997 geerntet, schon damals mit dem festen Ziel vor Augen, dieses besondere Gewächs 2022 auf den Markt zu bringen. War das Sandro Boscainis Idee? «Nein, nein», sagt er, mit fast schon vorhersehbarer Bescheidenheit, «das war mein Bruder Sergio, damals Önologe des Hauses.» In Sachen Amarone zählt 1997 zu den absoluten Spitzenjahren. «Ein fantastisches Jahr, warm, reichhaltig, hochelegant.» Die Beeren wurden vier Monate getrocknet, dann gepresst und vergoren. Fünf Jahre reifte der Wein im Fass – und dann nahm er eine ungewöhnliche Abzweigung. Statt ihn auf Flaschen zu ziehen, liess Sergio Boscaini ihn im Stahltank reifen, in einer einzigen homogenen Charge, die er durch Stickstoff vor Oxidation schützte. Im Mai 2022 wurde der Vajo dei Masi schliesslich in 2500 nummerierte Magnumflaschen gefüllt.


Reben in den Ausgrabungsstätten von Pompeji Reben in den Ausgrabungsstätten von Pompeji

Vajo dei Masi 1997

250 Ernten im Stammweinberg der Familie Boscaini, ein 25 Jahre gereifter Wein aus dem Spitzenjahrgang 1997, abgefüllt in 2500 nummerierte Magnumflaschen – stilvoller kann man ein Jubiläum nicht begehen. Der Vajo dei Masi reifte fünf Jahre in 600-­Liter-Fässern aus neuer fran- zösischer Eiche, dann unter Stickstoff im Edelstahltank. Erst im Mai 2022 wurde er abgefüllt. Das Resultat ist ein Tropfen von rarer Eleganz, lebendig wie ein junger Hüpfer und zugleich mit der Weisheit der Jahre. Die versiegelten Flaschen ruhen in gebrandmarkten Holzkisten, das Etikett schmückt der Masi-Wahlspruch «Nectar angelorum hominibus», Nektar von Engeln für Menschen. Dieser Ausnahmetropfen hat noch ein langes Leben vor sich. Sandro Bos­caini gibt ihm eine Lebensdauer von 40 bis 45 Jahren.


Amphoren in denen einst Wein vergoren wurde Amphoren in denen einst Wein vergoren wurde

Die Trauben aus dem Rebberg Vaio dei Masi wurden vier Monate getrocknet.


Brolo Campofiorin Oro

Masi vermählt den Jungwein mit angetrockneten Trauben, um die gewünschte zweite Gärung einzu­leiten. Sattes Kirschrot. In der Nase konzentriert und süss-fruchtig. Dörrfrüchte, Nelken, schwarze Schokolade. Im Gaumen schmeichelnd, reife Gerbstoffe. Toll zu Geschmortem.


Riserva di Costasera

Ein Traum aus angetrockneten Trauben. Dichtes, intensiv würziges Bouquet. Reife schwarze Frucht, Tabak, Kaffee, geröstete Nüsse. Im Gaumen satt und majestätisch mit süssen Gewürznuancen. Der perfekte Begleiter zu üppigen Gerichten: Wild, Risotto, reifer Käse. 



Amphoren in denen einst Wein vergoren wurde Amphoren in denen einst Wein vergoren wurde

Reben und Kirschbäume durcheinander

War der Rebberg jemals in Gefahr, verkauft oder ausgerissen zu werden? «Nie», sagt Sandro Boscaini mit Nachdruck. «Er ist Teil unserer Identität, der Stolz unserer Familie und unseres Unternehmens. Wir pflegen ihn seit 250 Jahren mit Liebe, Sorgfalt und Passion.» Zwei- bis dreimal pro Woche radle er mit dem Velo hoch in die Reben, «ich liebe den Ausblick von dort oben». Wie es hier im Jahr 1772 aussah, weiss man von alten Zeichnungen. «Die Reben waren viel weniger dicht gepflanzt, sie wuchsen viel höher, durcheinander gepflanzt mit Kirschbäumen. Es war eine ganz andere Art von Weinbau.» Heute stehen im Vaio dei Masi 75 Prozent Corvina, ausserdem Rondinella und Molinara, die traditionellen Amarone-Sorten also.

Über die Jahrhunderte haben die Boscainis den Weinberg durch Zukäufe arrondiert. Dabei half auch der Zufall. Sandro Boscaini erzählt eine amüsante Anekdote: In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zog ein Weinbergbesitzer aus der Gegend ein lukratives Geschäft mit Falschmünzerei auf. Die napoleonischen Truppen waren abgezogen, das Veneto gehörte neu zum Kaisertum Österreich, Italien war noch nicht vereinigt, und die wechselnden Währungen begünstigten dieses zweifelhafte Geschäftsmodell. Eines Tages aber kreuzten die Autoritäten auf, und beinahe, beinahe wäre der Schwindel aufgeflogen, hätte nicht ein Rebarbeiter geistesgegenwärtig die Beweise verschwinden lassen. Zum Dank schenkten ihm seine Herren ein Stück Rebland – welches die Familie Boscaini später kaufen konnte.


Zurück zum Jubiläumswein. Wie schmeckt er denn nun, 25 Jahre später? «Er wirkt zehn Jahre jünger, als er ist!», sagt Sandro Boscaini. «Unglaublich frisch und lebendig, voller Finesse.» Der Alkohol liegt knapp über 16 Volumenprozent, der Restzucker beträgt 5,1 Gramm. Ein trockener Wein also, so wie die Boscainis alle ihre Amarone keltern. Auf die Frage, ob man einen so speziellen Tropfen am besten als Meditationswein geniesst, antwortet Mister Amarone ohne Zögern: «Nein, nein, Amarone ist ein Essenswein. Er passt zu Fleisch, zu Wild, zu Käse …» Und wie geniesst er selber das Jubiläumsgewächs am liebsten? Die Antwort ist gewohnt unprätentiös: «Oh, ein Stück reifer Parmesan, ein Löffel Honig und ein Glas Vajo dei Masi … Das explodiert im Mund.»

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