Arneis wir in ein Glas eingeschenkt. Arneis wir in ein Glas eingeschenkt.

Arneis


Arneis ist in aller Munde und in vielen Gläsern, weil die piemontesische Rebsorte starke Charaktereigenschaften mit sich bringt. Zeitgemäss war die Traubensorte nicht immer. Die kleine Story zum grossen Comeback.

Der Önologe Gianluca Torrengo sitzt am langen Holztisch und blickt aus dem Fens ter. Er sieht und zeigt auf Bussia, diese mythische Lage in Monforte d’Alba, in der sein Arbeitgeber Prunotto 2014 das ur alte Gutshaus behutsam renoviert und zu einem Spitzenweingut umfunktioniert hat. DJa, so ist das. Und nein, wir möchten nicht über den hier gekelterten Barolo Riserva-- Bussia Vigna Colonnello sprechen, sondern über Arneis. Arneis, sagt Torrengo, besitze schier alle Qualitäten, die ein Weisswein derzeit nur haben könne. Deswegen und auch wegen der stetig steigenden Absatzzahlen, sei es nicht vermessen, wenn man Arneis als Trendwein bezeichne. Konkret heisst das: «Wer einen abwechslungsreichen Weisswein sucht, hat Spass an Arneis. Er duftet floral, nach Akazie, nach reifer Frucht, füllt den Mund mit einem Gefühl von Süsse, doch seine ausgleichende Säure und die Tannine sorgen dafür, dass keine Langeweile aufkommt», sagt er. Dann schwenkt er sein Glas. So weit, so gut, aber Arneis ist nicht gleich Arneis, und die Herkunftsbezeichnung Roero wäre auch noch kurz zu beschreiben. Seit 2004 existiert die docg, die sich nördlich von Alba, auf der linken Flussseite des Tanaro erstreckt. Im Vergleich zu den Langhe Arneis wird Roero Arneis tendenziell eher als kräftiger und weniger fruchtig beschrieben. «Mich erstaunt es immer wieder, wie unterschiedlich sich die Traube manifestiert», sagt Gianluca Torrengo, der seit 1999 bei Prunotto arbeitet. Es käme gerade bei der Arneis-Traube eben sehr deutlich darauf an, wo genau sie gepflanzt werde. «Vor allem bei uns, denn in unseren Weinen stellen wir die Trauben und das jeweilige Terroir ins Zentrum. Die Trauben sind es, die dir vorgeben, was du daraus machen kannst», sagt er und schnuppert am Glas. Kurz: Der Wein, der unter seiner Ägide gekeltert wird, entsteht im Rebberg und nicht im Keller. «Unser Arneis besteht historisch zu 70 Prozent aus Trauben, die in der Zone Occhetti in der Gemeinde Monteu Roero wachsen und zu 30 Prozent aus der Gemeinde Montà stammen. Occhetti, wo die Böden sandiger sind, bringt die beinahe schon didaktischtypische Süsse mit, die Lagen in Montà sorgen für den Säureausgleich, das ist das ganze Geheimnis», erzählt er. Und natürlich ein behutsamer Pressvorgang, denn ein Übermass an grünen Noten macht weder Sinn noch Spass.


Prunotto-Önologe Gianluca Torrengo Prunotto-Önologe Gianluca Torrengo

Hat ein gutes Gefühl für Arneis: Prunotto-Önologe Gianluca Torrengo.



Der Aufstieg einer fast vergessenen Sorte

AArneis bedeutet im piemontesischen Dialekt: die kleine Schwierige. Schriftliche Nachweise auf die Traubensorte fänden sich angeblich bereits um 1500, sagt man beim Consorzio del Roero. 200 Jahre später habe man die frühreife Traubensorte wie Muscat vorwiegend als Süsswein oder Vermouth abgefüllt. Und die «Bianchetta» wurde mehr und mehr wahlweise als Tafeltraube, als Vogelfutter oder einfach als Weichmacher-Beigabe zu Nebbiolo gepflanzt und eingesetzt. Heute scheinen die Tage des «alten» Arneis, der noch bis vor ein paar Jahrzehnten mit deutlicher Restsüsse abgefüllt wurde, gezählt. Beinahe aber wäre die Sorte ganz aus den Köpfen und den Rebhängen verschwunden, doch der Wind drehte sich allmählich. Die ersten Winzer (man spricht von Giacosa und Vietti) begannen wieder, Arneis zu pushen, ihn in den geeigneten Parzellen anzupflanzen und ihn vor allem mehr oder weniger trocken auszubauen. Dazu eine kleine Anekdote von Mario Cordero, der das Weingut Vietti heute mitverantwortet. Sein Schwiegervater habe 1967 den Dorfpfarrer gebeten, alle Anwesenden in der Kirche zu fragen, ob sie ihm nicht ihre Arneis-Trauben vorbeibringen könnten. Der Pfarrer tat dies angeblich mit den Worten, es gebe da einen Verrückten, der daraus wieder Wein machen wolle. Mit der Vietti-Kelterung begann 1967 demnach der behutsame Aufstieg der Rebsorte. Schon klar, dass Arneis von der ebenfalls wachsenden Bekanntheit der grossen Rotweine der Region mitprofitiert hat, und weil die Marktnachfrage nach originellen und originären Weissweinen immer mehr stieg, sind aus den damaligen zehn Hektar Arneis-Reben heute rund um Roero über 800 Hektar entstanden. Arneis findet man sonst in Italien selten, höchstens noch in Ligurien und Sardinien, dafür hat die Traube, wenn auch in kleinen Anbaumengen, den Sprung nach Australien, Kalifornien, Oregon und Neuseeland geschafft.

Roero Arneis 

Eleganter, vielschichtiger Arneis mit Noten von Birne, Melone, Mandeln und etwas Bergamotte. Dank Ausbau im Stahltank wunderbar frisch.


Die Reben fest im Blick: der Degustationsraum von Prunotto Die Reben fest im Blick: der Degustationsraum von Prunotto

Die Reben fest im Blick: der Degustationsraum von Prunotto.



Giacosa und die Renaissance

Auch der 2018 verstorbene Bruno Giacosa bleibt in Gedenken eine der Triebfedern, die wesentlich für den heutigen Erfolg der Traubensorte mitverantwortlich sind. Als unermüdlicher Innovator hat er der Rebsorte zu einer veritablen Renaissance verholfen. Er kelterte einen Roero Arneis, der noch heute Vorbildcharakter geniesst. Das Basisrezept für einen Giacosa-Arneis lautet nach wie vor: floral, nach reifen Birnen und Zitrusfrüchten duftend, im Gaumen erfrischend, mit Schmelz und Eleganz, aromatisch und lang. Stahlklare Präzision. Kein Holz. Im Vergleich zu Giacosa – das Familienerbe wird heute von Tochter Bruna weitergelebt – sei der Roero Arneis von Prunotto etwas fruchtiger und weniger süsslich, meint Prunotto-Önologe Gianluca Torrengo voller Respekt. So oder so – bitte nicht negativ auslegen – sind beide Attribute derzeit recht gefragt. Deswegen hat Arneis sein Nischendasein längst verlassen, und mit seiner vielschichtigen Frische hat er im Piemont sogar den Chardonnay vertrieben. «Er fügt sich eben immer gut ein», findet Torrengo, während Chardonnay sich im Piemont oft etwas monumental präsentiere. Ob als Essensbegleiter oder zum Aperitivo: Arneis biete das ideale Parkett für alle Tanzarten. «Es gibt ihn auch als Roero Arneis Spumante, und man verehrt ihn gerne als Terrassenwein, der ideal zum Aperitivo passt und zu Fisch und zu Vitello tonnato und zur Battuta und zu Pasta.» Also eigentlich zu allen Lagen des Lebens. Ach ja. Man sollte ihn jung trinken oder, wie es viele Spezialisten zu wissen glauben, lieber gereift geniessen. Hauptsache, man macht sich sein eigenes Bild und probiert ihn bald.

Roero Arneis

Giacosas Arneis hat Vorbildcharakter: herrliche Frische, schöne Mineralik, delikate Frucht mit Noten von Birne und Pfirsich. Vollmundig und elegant.


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