Blick aufs Meer vor Alghero Blick aufs Meer vor Alghero

Unterwegs mit Giovanni Pinna



Wenn man mit einem leidenschaftlichen Segler und Geniesser unterwegs ist, begegnet einem das Meer an jeder Ecke. Giovanni Pinna ist Direktor und Chefönologe von Sella & Mosca, Sardiniens grösster Kellerei. Ein Streifzug durch sein geliebtes Alghero.

Wie ein schlafender Riese liegt Capo Caccia im Wasser. Ein gigantischer Felsen, der in die Bucht von Alghero ragt. Rundum das tiefblaue Meer, unendlich weit, betörend schön. Giovanni Pinna steht auf der Stadtmauer von Alghero und schaut in die Ferne. «Dieser Blick gibt mir ein grosses Gefühl der Freiheit. Das Meer ist ein Ort ohne Grenzen, mit wenigen, aber strengen Regeln.» Giovanni Pinna ist Direktor und Chefönologe der Kellerei Sella & Mosca. Und Giovanni Pinna ist Segler. «Die Farben, der Duft, die Bewegungen des Wassers sind ein fester Bestandteil meines Lebens. Ich könnte ohne sie nicht leben. Ebenso wenig wie ohne meine Segeltörns mit Freunden, mit denen ich dieselbe Leidenschaft teile.» Die Landzunge von Capo Caccia steht über weite Teile unter Naturschutz. Steile Felsklippen, versteckte Buchten, die berühmten Neptun-Grotten, Pinienwälder, weisse Sandstrände, die betörend duftenden Sträucher der sardischen Macchia ... «In der Natur finde ich nach einem anstrengenden Tag Klarheit und Ruhe. Der Wind pustet meinen Kopf wieder frei.»

Giovanni Pinna blick aufs Meer vor Alghero Giovanni Pinna blick aufs Meer vor Alghero

Mehr Meer: Alghero ist auf drei Seiten vom Wasser umgeben.


Stadtplan von Alghero Stadtplan von Alghero

Fisch – am liebsten roh

Und so startet die Reise in die Welt von Giovanni Pinna in sein Alghero – wie könnte es für einen Segler anders sein – auf dem Fischmarkt. Am Stand von Franco und seinem Sohn Giovanni ist Showtime. Papa Franco scherzt und feilscht und verwirft theatralisch die Hände. Mal steht er hinter dem Fischtresen, dann davor, dann in einer Traube aus älteren Damen und Herren mit Einkaufstüten. «Lina, ciao, tesoro!», ruft er durch die Menge, eine junge Frau dreht den Kopf und verdreht die Augen, sie lacht. Es ist ein Spiel, ein Spektakel. Franco deutet auf seine Auslage. Tintenfische, Makrelen, Doraden auf Eis – alles frisch gefangen. Daneben ein paar schlangenartige Fische, lang, ohne Haut. «Das ist Gattuccio, er hat keine Gräte.» Franco und seine Crew fischen noch von Hand, mit Speer und Harpune. «Die Barrakudas sind schnell, aber ich bin schneller! Vero?!» Franco klopft seinem Sohn kräftig auf die Schulter. Hinter dem Tresen vergilbte Fotos: von Schiffen, von stolzen Fischern mit ihrem Fang. «Für Menschen wie mich, die das Meer lieben, steht Fisch immer auf dem Tisch», sagt Giovanni Pinna. Er schätze Fisch normalerweise in seiner einfachsten Form: roh. «Wenn gekocht, dann nur mit einem Spritzer Olivenöl. Ich bin immer etwas misstrauisch gegenüber zu aufwendigen Versionen. Der dominierende Geschmack sollte jener des Rohmaterials sein. So wie beim Wein.»


Frische Fische Frische Fische
Frischer wird’s nicht: Fischer Giovanni mit Papà Franco. Frischer wird’s nicht: Fischer Giovanni mit Papà Franco.

Frischer wird’s nicht: Fischer Giovanni mit Papà Franco.


Mercato Civico

Wer frischen Fisch, gute Qualität und den Schwatz mit Einheimischen liebt, ist hier goldrichtig. Die historische Markthalle ist unspektakulär und überschaubar, aber Alghero ist ja auch keine Millionenstadt.

Via Cagliari 13
Alghero


Frischer wird’s nicht: Fischer Giovanni mit Papà Franco. Frischer wird’s nicht: Fischer Giovanni mit Papà Franco.

Giovanni Pinna, Direktor der Kellerei Sella & Mosca, zeigt uns sein Alghero.


Klein Barcelona auf der Insel

Auch wenn Giovanni Pinna im nahen Sassari lebt, der grössten Stadt Sardiniens, ist Al­ghero mit 40 000 Einwohnern für ihn quasi zweite Heimat. Nur wenige Kilometer ausserhalb der Stadt, gleich beim Flughafen, stehen die Reben von Sella & Mosca , wo Giovanni Pinna seit 2000 als Chefönologe und seit 2020 als Direktor waltet. «Es ist nicht nur die unvergleichlich schöne Lage Algheros – die Stadt ist von drei Seiten von Wasser umgeben –, es ist auch die Geschichte, die mich begeistert.» Die Region war schon in der Zeit der Nuraghen um 1600 v. Chr. besiedelt. Eine der archäologischen Fundstätten aus dieser Epoche, Anghelu Ruju, wurde 1903 auf dem Weingut von Sella & Mosca entdeckt. Die Stadt Alghero selbst wurde im 12. Jahrhundert von der Familie Doria aus Genua gegründet. Später ging sie ans Haus Aragón über, bis sie ab 1353 für gut 400 Jahre zu einer katalanischen Enklave wurde. «Innerhalb der Stadtmauern entstand eine Art Mini-Barcelona mit eigener Sprache, Musik und Kunst.» Das alte Català von damals wird von manchen noch immer gesprochen, in Barcelona käme man noch heute damit durch. Und auch die Küche ist von Katalonien beeinflusst. «Alghero ist berühmt für Hummer auf katalanische Art, wir haben Paella und katalanische Süssigkeiten wie Ous de butxaca, ein eiförmiges Anisgebäck mit Zuckerglasur. Kindheitserinnerungen.»



Erinnerungen an früher gibt’s auch bei Ciro. Der Name steht in grossen Lettern über dem Eingang, weiss auf schwarz. Klassisch schwarz-weiss ist auch das Tenue der Kellner, alte Schule, so, wie das Interieur der Pasticceria. Eine Institution. «Sonntags an Ciros Konditorei vorbeizugehen, weckt bei uns allen Erinnerungen an die Kindheit. Und der Duft der Backwaren sorgt selbst an den dunkelsten Tagen für gute Laune», schwärmt Giovanni Pinna zwischen einem Schluck Cappuccino und einem Bissen Gebäck. Pabassinas heissen die rautenförmigen Mandel-Rosinen-­Guetzli, die hier alle zum Kaffee essen. Ciro sei übrigens kein typisch sardisches Geschlecht, der Name komme aus Kampanien. Was uns zum roten Gold Sardiniens bringt. «Unsere Insel ist berühmt für die roten Korallen. Und die Fischerfamilien stammen interessanterweise fast alle aus der Gegend von Neapel, wo es eine grosse Tradition des Korallenfischens gibt.»


Bar Pasticceria Ciro

Laut und italienisch geht’s im Caffè Ciro zu und her. Hier trifft sich halb Alghero zum Frühstück. Der Kaffee ist exzellent – und so sind auch die sardischen Dolci. Am besten einmal quer durchs Sortiment probieren.

Via Sassari 35/b
Alghero


Köstliches Sortiment der Pasticceria Ciro Köstliches Sortiment der Pasticceria Ciro
Eingang der Pasticceria Ciro Eingang der Pasticceria Ciro



Sella & Mosca

Etwas ausserhalb der Stadt, dafür gleich beim Flughafen und mitten auf dem Weingut betreibt Sella & Mosca das charmante Bed & Breakfast Casa Villamarina. Die stilvollen Zimmer sind modern und schnörkellos und bieten Raum zum Entschleunigen. Und der Wein ist auch nicht weit: sei es bei einer Kellereiführung oder einem Aperitivo im lauschigen Garten.

Località I Piani
Alghero
casavillamarina.com


Aus 120 Metern Tiefe

Billigen Korallenschmuck findet man in Alghero in jedem Souvenirshop. Um echtes Handwerk zu finden, muss man schon etwas tiefer tauchen. Wortwörtlich. Giovanni Pinna führt uns zum Atelier Agostino Marogna, einem der angesehensten Goldschmiede der Insel. Seit 1962 gibt’s das Geschäft, das heute von Marognas Tochter Sara und ihrem Mann Giuseppe geführt wird. Ihre filigranen Schmuckstücke sind kostbare Kunstwerke, tief verankert in der sardischen Kultur. «In den Dörfern wird Korallenschmuck noch heute als Mitgift in die Ehe gebracht. Denn Korallen bringen Glück», erzählt Sara in ihrem Showroom. Vor der Küste Algheros befinden sich die wichtigsten Korallenbänke Sardiniens. «In den 1960er und 70er Jahren konnte hier jeder fischen, so viel er wollte.» Inzwischen sind die Riffe geschützt, das Business streng reglementiert. In ganz Sardinien gibt es nur 25 Corallini, so heissen die Fischer, die 2,5 Kilo Korallen pro Tag und Person ernten dürften – von Juni bis Oktober. Die übrigen Monate ist Schonzeit. Und auch die Wetterbedingungen müssen stimmen. «Bei rauer See ist an Fischen nicht zu denken, denn die Corallini tauchen tief», erklärt Sara. Ab 80 Metern darf man ernten, sehr erfahrene Fischer tauchen 110 bis 120 Meter. «In diesen Tiefen arbeitet man 20 Minuten, nicht Stunden. Dies bedingt einen präzisen Tauchgang, was bei starkem Wellengang und Strömungen unmöglich ist.»



Sara Marogna führt uns ins Hinterzimmer, ins Atelier, wo ihr Mann Giuseppe mit einem feinen Bohrer ein Stück Koralle bearbeitet. «Es sieht bei uns aus wie beim Zahnarzt», scherzt er und erklärt: «Wenn die Korallen aus dem Wasser kommen, sind sie mit einer weissen Membran aus Kalk bedeckt, diese muss man säubern, um die eigentliche Farbe zu sehen.» Im Gegensatz zu Korallen aus Japan haben jene aus Alghero eine sehr hellrote, fast orange Farbe – und sie sind kleiner. «Das Mittelmeer ist ein geschlossenes Meer, und darum wächst bei uns alles etwas langsamer.»


Agostino Marogna Corallo

Alghero ist berühmt für seine Korallen. Handgefertigte Schmuckstücke gibt’s im Atelier von Agostino Marogna. 1962 gegründet, führen heute Tochter Sara und ihr Mann Giuseppe das alte sardische Kunsthandwerk fort. Eindrücklich.

Piazza Civica 34
Alghero
agostinomarognagioielli.it


Schützende Hand: Die Madonna wacht über Sardiniens Küstenorte und ihre Fischer.


Wir verlassen die magische Korallenwelt und zollen der Schutzheiligen der Fischer unseren Respekt – beim Stadttor Porto Salve, wo eine Madonna mit Korallenkette wacht. «Die Seeleute suchten bei den Heiligen seit jeher Schutz vor den Gefahren des Ozeans. Darum hat jedes Dorf am Meer seine Madonna», erzählt Giovanni Pinna. Neben der Madonna von Porto Salve ist ein altes Barometer in die antike Steinmauer eingelassen. «Ein Relikt aus einer Zeit vor Wettervorhersagen, Apps und GPS. Hier trafen sich alle Fischer, wenn sie heil vom Meer zurückkamen.»



Gangsta-Rap und Artischocken-Panettone

Wer das erste Mal auf der Insel ist, staunt über die grosse Backkultur der Sarden. Die traditionellen Dolci sind wunderschön, aufwendig verziert und oft so filigran, man könnte sie für Stickereien aus Mehl und Zucker halten. Giovanni Pinna führt uns zu einem Meister des Fachs: Roberto Murgia. Der junge Mann mit Vollbart und Glatze steht in seinem Labor und mischt ganze Mandeln in eine klebrige Masse aus Rosinen. Im Radio läuft Gangsta-Rap. Früher war Murgia Fitnessinstruktor, heute ist er mit knapp 20 000 Instagram-Followern der wohl innovativste Botschafter der sardischen Backkunst – notabene als absoluter Autodidakt. «Ich bin ein Kunsthandwerker, der seine Leidenschaft zum Beruf gemacht hat.» Gelernt hat er von den Frauen in seiner Familie: Mamma, Grossmutter, Tante. Und die Algheresi lieben seine Dolci heiss: Casadinas (Ricottaküchlein mit Safran), Pastissus (reich verzierte Mandeltörtchen), Pirichittus (eine Art Windbeutel), Caschettas (ein papierartiger hauchdünner Teig, gefüllt mit Nüssen und Honig) oder eben Ous de butxaca. «Berühmt ist er auch für seinen Panettone mit kandierten Artischocken», erzählt Giovanni Pinna. «Eine durch und durch sardische Interpretation des Klassikers.» Schliesslich ist Sardinien einer der grössten Artischockenproduzenten Italiens.


Dolci in Corso

Roberto Murgias Dolci sind zum Essen fast zu schade. Mit viel Kreativität und Liebe zum Detail interpretiert der talentierte Autodidakt die sar­dischen Gebäckklassiker neu – seine Fangemeinde reicht weit über Alghero hinaus. Auch sein sinnlicher Instagram-Channel ist eine Augenweide.

Via Guglielmo Marconi 11
Alghero
Instagram: roberto_murgia


Roberto Murgia



Ein Traum: Alghero im Abendlicht.


Für den Sonnenuntergang haben wir uns auf der Stadtmauer verabredet, dort, wo wir mit Giovanni Pinna frühmorgens gestartet sind. Der imposante Festungswall ist nicht nur ein Zeitzeuge, sondern auch ein Ort, wo die Einheimischen flanieren und die Sicht aufs Meer geniessen. «Vor allem an klaren Abenden gibt es hier einen atemberaubenden Sonnenuntergang über dem ‹gigante dormiente›, dem schlafenden Riesen.» Poleposition für dieses Spektakel ist die Dachterrasse des Ristorante Mirador. Giovanni Pinna sitzt schon da, in der Hand ein Glas seines flaschenvergorenen Torbato-Spumante Oscarì. Der Kellner bringt eine Platte mit Crudi di mare, rohem Fisch. Simpel und gut, so wie es Giovanni Pinna liebt. Die Sonne versinkt langsam im Meer. «Zur blauen Stunde verschmelzen hier Aromen und Aussicht zu grossen Emotionen.» Cameriere, un’ altro giro – nochmals eine Runde, bitte.


Ristorante Mirador

Der perfekte Platz für den Sundowner: Von der Dachterrasse des Mirador hat man freie Sicht auf den Sonnenuntergang und kann dabei wunderbar den Leuten beim Flanieren zuschauen. Auf den Tisch kommen Klassiker aus Alghero. Unbedingt die Crudi di mare probieren.

Bastioni Marco Polo 63
Alghero
miradoralghero.it


Alles roh: Crudi di mare zum Sonnenuntergang.



Weine von Sella & Mosca

  1. - +
    Italien, Sardinien
    2021
    100 % Vermentino

    75 cl
    Monteoro – Vermentino di Gallura docg superiore, Sella & Mosca
    CHF16.50
  2. - +
    Italien, Sardinien
    2020
    100 % Vermentino

    75 cl
    Ambat – Vermentino di Sardegna doc, Sella & Mosca
    CHF29.50
  3. - +
    Italien, Sardinien
    2020
    100 % Torbato

    75 cl
    Terre Bianche – Alghero Torbato doc, Sella & Mosca
    CHF14.50
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