Blick auf die Ausgrabungsstätten von Pompeji Blick auf die Ausgrabungsstätten von Pompeji

Reben & Ruinen


Winzer Pierro Mastroberardino Winzer Pierro Mastroberardino

Piero Mastroberardino ist Winzer in zehnter Generation, doch gegen die antike Stadt ist er ein junger Hüpfer.

Die römische Stadt Pompeji war bis zum vernichtenden Vulkanausbruch 79 n. Chr. berühmt für weltliche Freuden und Rebensaft in rauen Mengen. Heute wird in den Ruinen wieder Wein gemacht. Gesitteter als damals – aber ziemlich sicher auch besser! Ein Orts­besuch mit Winzer Piero Mastroberardino.

Dieser Berg. Mystisch, mächtig und irgendwie auch unheimlich, wenn man in den Ruinen von Pompeji so vor ihm steht. Der Vulkan Vesuv erstickte die römische Stadt am Golf von Neapel vor ziemlich genau 2000 Jahren in seiner Asche. Meterhoch die Schicht aus Gestein und Staub, die Häuser, Strassen, Mensch und Tier verschluckte – und über Jahrhunderte konservierte. Die Unesco machte das faszinie­rende Freilichtmuseum 1997 zum Weltkulturerbe. Seit damals wachsen in Pompeji auch wieder Reben. Die Reben der Familie Mastroberardino.

«Den ersten unserer 15 Weinberge in Pompeji haben wir 1996 gepflanzt – nicht des Weines wegen, sondern um den Rebbau der römischen Zeit zu erforschen», erzählt Piero Mastroberardino und lässt den Blick über die Ruinen schweifen. Es sei die Idee seines Vaters Antonio gewesen, damals in den frühen 1970ern. Doch er musste mehr als 20 Jahre auf eine Bewilligung warten, denn lange gab es gar keine Gesetze, die den Umgang mit der Ausgrabungsstätte festlegten. Den Pflanzungen gingen lange Studien voraus. «Es ist unglaublich, aber wir wissen fast alles aus dieser Zeit. Der römische Forscher Plinius der Ältere hat mit seiner ‹Naturalis historia› die berühmte Enzy­klopädie der Naturgeschichte geschrieben. Darin findet man sehr genaue Beschreibungen aller Rebsorten und Erziehungssysteme, inklusive technischer Hinweise zur Verkostung.» Das Forschungsprojekt sei auch deshalb so interessant, weil Önologen und Agronomen auf der einen Seite und Archäologen auf der anderen Seite eng zusammenarbeiteten, erzählt der Winzer, der auch Universitätsprofessor für Wirtschaft und Quasi-Historiker ist (er hat zehn Generationen Familiengeschichte aufgearbeitet und in seinem Museum am Kellerei-Hauptsitz bei Avellino verewigt). «Die Archäologen waren in der Lage, den Standort jeder einzelnen Rebe zu rekonstruieren. So konnten wir die Wiederbepflanzung der Weinberge entsprechend der ursprünglichen Position vornehmen.»

Amphoren in denen einst Wein vergoren wurde Amphoren in denen einst Wein vergoren wurde

Einst wurde der Wein in Amphoren vergoren, eine Methode, die heute wieder in Mode ist.


Tavernen, Weinschenken – das blühende Leben

Wir spazieren mit Piero Mastroberardino durch die Gassen der antiken Stadt – vorbei an 2000 Jahre alten Häusern, Villen, Gärten. Über einen Säulengang gelangen wir in ein Atrium, in der Mitte stehen ein paar Reben, in der Hausecke Tonamphoren, die Wände verziert mit prachtvollen Fresken. Die einen über die Jahrhunderte verblasst, die anderen noch so, als wären sie erst gestern gemalt worden. «Man kann das gesellschaftliche Leben von damals praktisch vollständig rekonstruieren. Der Wein war ein bedeutender Bestandteil davon, das sieht man nur schon an den Fresken.» Archäologische Untersuchungen, botanische Studien und die Entdeckung von Abdrücken von Weinwurzeln und ihren Stützen hätten das Vorhandensein dieser Kulturpflanze auch innerhalb der Stadtmauern, in den Gemüsegärten, aber vor allem in den Vororten in der Nähe des Amphitheaters


bestätigt, so Mastroberardino. Dazu haben die Archäologen bis heute unzählige Tavernen und Weinschenken freigelegt. Kurz: In Pompeji, einst Urlaubsort des römischen Adels, war bis zum Ausbruch des Vesuvs Highlife! Die fruchtbaren Böden liessen Getreide, Früchte, Wein in Fülle gedeihen, zudem war die Stadt am Mittelmeer ein blühendes Handelszentrum. «Nicht nur die römischen Kaiser errichteten hier ihre Villen, auch später, im 17. und 18. Jahrhundert, verbrachten Persönlichkeiten wie Voltaire oder Goethe in der Bucht von Neapel ihre Ferien.» Und schwärmten vom Wein dieser Gegend. «Urlaubseffekt!» Piero Mastroberardino lacht auf und tritt durch einen steinernen Torbogen in einen von Mauern umschlossenen Weinberg.



Blick in die Rebberge von Pompeji Blick in die Rebberge von Pompeji

15 Rebberge haben die Mastroberardinos seit 1996 in Pompeji gepflanzt.


Piero Mastroberardino in den Rebbergen Pompejis Piero Mastroberardino in den Rebbergen Pompejis

«Mich erdet dieser Ort», sagt Piero Mastroberardino über Pompeji.

Piedirosso vom Fusse des Vesuvs

«Wir kultivieren hier Piedirosso, im neapolitanischen Dialekt nennen wir die Traubensorte ‹O per ’e palummo›, Taubenfuss.» Eine sehr alte, autochthone Varietät, die nur hier am Fusse des Vesuvs wächst. Stiel und Stängel sind rötlich gefärbt wie der Fuss einer Taube. Der Boden im archäologischen Gebiet von Pompeji ist vulkanisch, reich an Mineralien und liegt 50 Meter über dem Meer. «Wir haben hier eine Pflanzdichte von bis zu 8800 Reben pro Hektar. Zum Vergleich: In unseren Hanglagen in Irpinia im Landesinnern stehen ‹nur› 5000 Pflanzen pro Hektar.» Hohe Pflanzdichte führe hier am Meer zu mehr Qualität, da die Reben untereinander um Nährstoffe kämpfen müssten. «Das Resultat sind weniger, aber bessere Trauben – denn eigentlich sind die Böden hier für Qualitätsweinbau ein wenig zu fruchtbar, das Klima zu warm.» Nebst Piedirosso wächst in den Ruinen auch der bekanntere Aglianico oder Sciascinoso. Aus allen drei Sorten entsteht Mastroberardinos Villa dei Misteri. Eine Rarität. «Wir produzieren lediglich 1500 Flaschen pro Jahr, je nach Ernte.» Den ersten Jahrgang, 2001, versteigerte Mastroberardino unter Liebhabern aus der ganzen Welt – und unterstützte mit dem Erlös die Wiederherstellung der «cella vinaria», der antiken Kellerei der Stadt. «Für mich als Winzer natürlich eine der eindrucksvollsten archäologischen Stätten in Pompeji.» Ebenfalls aus Piedirosso gekeltert, sortenrein, aber aus Rebgärten ausserhalb der antiken Stadt, entsteht Mastroberardinos Lacryma del Vesuvio rosso: im Stahltank vergoren, kurz in der Barrique gereift, Noten von Pflaume, Pfeffer und Rauch. «Die Traubensorten sind uralt, doch bei der Vinifikation setzten wir natürlich schon auf modernere Methoden.» Mastroberardino lächelt und führt uns zu einem antiken Steinhaus: «Das ist die ‹cella vinaria›.» Damals seien die Trauben mit den nackten Füssen zerstampft und dann in Terracotta-Amphoren vergoren worden, erzählt er und deutet auf die grossen Tongefässe, die in den Boden eingelassen sind. «Damit blieb die Temperatur konstant kühl.» Und wie das wohl schmeckte? «Ich gehe davon aus, dass der römische Rebensaft früher ziemlich stark und wohl auch sauer war. Darum verdünnte man ihn mit Wasser, manchmal mischte man ihn auch mit Honig oder Gewürzen.»

Piero Mastroberardino tritt hinaus in die Nachmittagssonne, rückt die Sonnenbrille zurecht. «Ich würde gerne öfter herkommen, mich erdet dieser Ort. 2000 Jahre Geschichte – hier spürt man eindrücklich, dass wir nur ein kleiner Teil eines grossen Ganzen sind, nicht? Und der Vulkan? Ist der nicht ein Risiko? Piero Mastroberardino schmunzelt: «Ach, der Vesuv, der schläft – mehr oder weniger.» 

Lacryma Christi del Vesuvio rosso

Ein Strukturwein von legendärem Ursprung: Die Piedirosso-Trauben wachsen auf den vulkanischen Böden am Fusse des Vesuvs. Duftet nach Sauerkirschen, Gewürznelken, Pfeffer, dazu saftige Gerbstoffe und eine unverwechselbare Rauchnote. Zu jungem Käse, Aufschnitt, Hülsenfrüchten oder einer knusprigen Pizza.


«Die Traubensorten sind uralt, doch bei der Vinifikation setzen wir auf modernere Methoden.»

Unterschrift Pierro Mastroberardino Unterschrift Pierro Mastroberardino
Pierro Mastroberardino in den Rebbergen von Pompeji Pierro Mastroberardino in den Rebbergen von Pompeji

Reben in den Ausgrabungsstätten von Pompeji Reben in den Ausgrabungsstätten von Pompeji

Seit 1996 pflegt die Familie Reben in der Ausgrabungsstätte von Pompeji.

Die Rebenretter

Ohne die Familie Mastro­berardino wären heute viele alte Traubensorten Kampaniens ausgestorben. Antonio Mastro­berardino hatte sich nach dem Zweiten Weltkrieg standhaft geweigert, die kostbaren alten Sorten des Südens auszureissen und durch einfachere, produkti­vere Varietäten zu ersetzen. Auch sein Sohn Piero, zehnte
Generation der Winzerfamilie, hält unbeirrt an der Vision seiner Vorfahren fest und kultiviert im hügeligen Hinterland von Neapel grosse Weine aus autoch­thonen Traubensorten – Eleganz pur.


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