
Schneller, höher, mehr. Die Welt greift nach Tempo. Der Wein lässt sich Zeit. Reben brauchen Fürsorge, bis sie Früchte tragen. Jeder Jahrgang erzählt eine eigene Geschichte. Auch Vertrauen wächst leise. Wie viel daraus entstehen kann, zeigen Menschen, deren Wege sich über Generationen kreuzen.
1983 entdeckte Rudi Bindella sen. bei Montepulciano ein verfallenes Bauernhaus mit wenigen Rebflächen, eingebettet in eine toskanische Landschaft voller Potenzial. Daraus entstand die Tenuta Vallocaia, das piccolo paradiso der Familie Bindella. Das Weingut wurde behutsam erweitert. Angrenzende Waldparzellen und Olivenhaine kamen hinzu, um die Artenvielfalt zu fördern.
Ein Vorbild dabei war die Familie Antinori. Ihre gemeinsame Geschichte mit Bindella hatte allerdings schon Jahrzehnte zuvor begonnen.
In Generationen denken
1953 legten die Grossväter von Albiera Antinori und Rudi Bindella den Grundstein für eine Verbindung, die bis heute anhält. Was mit dem Import italienischer Weine in die Schweiz begann, führte später auch zu gemeinsamen Gastrobetrieben. 1994 eröffnete in Zürich die Cantinetta Antinori, die erste ausserhalb von Florenz. Aus der geschäftlichen Beziehung entwickelte sich eine Freundschaft zwischen beiden Familien.
Die florentinische Winzerdynastie blickt auf rund 640 Jahre Weinbau zurück. Heute führen Albiera Antinori und ihre beiden Schwestern Alessia und Allegra die Familientradition in der 26. Generation fort. Gegenüber der Financial Times betont Alessia, wie wichtig es ist, das Erbe der Vorfahren mit eigenen Ideen weiterzuentwickeln.
Albiera, Allegra und Alessia (v. l. n. r.) mit ihrem
Vater Marchese Piero Antinori
Wie viel Mut das erfordern kann, zeigte ihr Vater Piero Antinori. Anfang der 1970er-Jahre stellte er mit dem Tignanello die Konventionen des Chianti classico infrage. Er experimentierte mit internationalen Rebsorten und dem Ausbau in kleinen Eichenfässern. Der als Vino da tavola klassifizierte Wein sorgte für Aufsehen.
Rudi Bindella sen. glaubte früh an den Tignanello und brachte ihn in die Schweiz. Sein Vater hielt den Preis von rund 20 Franken pro Flasche für zu hoch. Doch er liess sich von seiner Überzeugung nicht abbringen und verkaufte an der Expovina sämtliche Flaschen. Inzwischen gilt der Wein als Wegbereiter der Supertuscans.
Antinori CEO Renzo Cotarella und Rudi Bindella sen.
Pioniergeist
In Südtirol beschreitet das Weingut Alois Lageder schon lange neue Wege im Weinbau. Mit der Familie verbindet uns seit 1992 eine enge Partnerschaft. Als Pionier des biodynamischen Anbaus setzt Lageder auf die Vielfalt der Natur. «Diversity is key», lautet das Credo.
Dieser Wandel gelang nur im gemeinsamen Wirken mit den WinzerpartnerInnen. Über 13 Jahre setzte das Team gemeinsam mit den WinzerpartnerInnen die Umstellung sämtlicher Rebflächen auf biologische oder biodynamische Bewirtschaftung um.
Wenn Vertrauen Wurzeln schlägt
Unsere Zusammenarbeit mit Tasca d’Almerita auf Sizilien reicht bis 1981 zurück. Daraus ist am Fusse des Etna ein besonderes Projekt entstanden: der Etna Rosso Contrada Pianodario Edizione Bindella. Jährlich werden lediglich 4500 Flaschen produziert, die künftig 20 ausgewählten PartnerInnen weltweit vorbehalten sind. Bindella gehört zu diesem Kreis.
Innerhalb der Contrada ist eine Parzelle für uns reserviert. Tasca pflegt die Reben für die kommenden Ernten, ein exklusives Label macht die langjährige Verbindung sichtbar. So ist aus mehr als vier Jahrzehnten gegenseitiger Wertschätzung ein eigenes Stück Weinberg am Vulkan entstanden.
Was bleibt
Der Klimawandel und veränderte Konsumgewohnheiten stellen die Weinwelt vor Herausforderungen. Umso wertvoller sind gewachsene Beziehungen, in denen Erfahrungen geteilt und neue Ansätze erprobt werden.
Wein bewegt sich an der Schnittstelle von Wissenschaft und Poesie. Jede Flasche erzählt von einem Ort, geprägt von Klima, Geologie und der Arbeit vieler Menschen. Und sie bringt jene zusammen, die ihre Begeisterung dafür teilen.
Vielleicht liegt genau darin die Kraft der Beständigkeit: gemeinsam etwas aufzubauen, das bleibt.