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Der Kornhauskeller in Bern: zwei Restaurants, eine Bar, mehrere Tonnen frisch gelieferte Waren – jeden Tag. Das verlangt nach einer perfekten Organisation. Ein Besuch bei Tshiyombo Kabeya, dem Mann, der alles möglich macht.

Die gute Seele. Im Kornhauskeller heisst sie Tshiyombo Kabeya, für alle einfach «Kabeya». «Meinen Vornamen kann sich eh niemand merken.» Seit mehr als 15 Jahren kümmert sich der versierte Handwerker um alle anfallenden Arbeiten hinter den schmucken Wänden des Berner Traditionshauses. RWD, rückwärtiger Dienst, heisst seine offizielle Funktion. Er selber bezeichnet sich ganz pragmatisch als Hauswart. 2001, frisch aus dem Kongo immigriert, heuerte Kabeya zunächst als Mitarbeiter in der Kornhauskeller-Küche an und wechselte nach zwei Jahren in die Lagerbewirtschaftung des Grossbetriebs. Dann, 2004, – er hegte den Gedanken, den Kornhauskeller zu verlassen, um sich zum Altenpfleger ausbilden zu lassen – bot man ihm seinen Traumjob an: im RWD. «Ich hatte ehrlich gesagt schlaflose Nächte. So viel Verantwortung.» Seither ist viel passiert. Mehrmals wechselte die Betriebsleitung, immer wieder stiessen neue Mitarbeitende zum Team, andere gingen. Kabeya ist geblieben – und sagt lachend: «Heute kenne ich jede Schraube im Gebäude.»
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Herr über den Warentransport im Kornhaus Bern: Tshiyombo Kabeya

Ausgeklügelte Logistik

Seine Tage beginnen früh. Um sechs Uhr, wenn die Bundesstadt noch schläft, schliesst er auf. Zuerst befreit er die Buffets im Kornhauskeller und im Ristorante Più von Leergut und Abfall, füllt die Bestände an Mineralwasser und Softdrinks auf und notiert sich, was fehlt. Seit aus dem ehemaligen Kornhauscafé im Erdgeschoss vergangenes Jahr das Ristorante Più mit integrierter Vinoteca entstand, schaut er in beiden
Betrieben zum Rechten. Sein Handy klingelt. Ein Lieferant, der sich ankündigt. Den Auftakt heute macht der grosse, rote Bindella-Camion aus Zürich, Weinnachschub für die Vinoteca und die beiden Restaurants. «Ich selber bestelle nur die alkoholfreien Getränke, Kaffee, Zucker und Putzmittel. Aber bei den Lieferungen bin ich für alles zuständig.» Kabeya drückt einen in die Wand eingelassenen Knopf – und vor ihm öffnet sich der Boden. Eine anderthalb mal zwei Meter grosse Kabine fährt hoch. Geschickt manövriert der Chauffeur seine Ladung in den engen Warenlift. Dann übernimmt Kabeya. Im zweiten Untergeschoss befindet sich das Weinlager. Einen Teil der Weine verstaut er in den Metallregalen des Weinkellers. Die anderen Tropfen kommen in die Enoteca, die sich hinter dem Gastraum des Kornhauskellers befindet. «Hier führen wir normalweise kleine Degustationen mit unseren Gästen durch. Oder richten den Raum für private Anlässe her.»

Nichts liegen lassen

Stilvolle Veranstaltungen gehören zum Kerngeschäft des grosszügigen Kornhauskellers, in dem bis zu 500 Personen Platz finden. Auch eine gemütliche Galerie-Bar gehört zum Ensemble. Letztes Jahr ist das Eventgeschäft wegen Corona regelrecht zum Erliegen gekommen. Kabeya, der gewöhnlich pro Woche an mindestens einem Anlass mithalf und für das Technische sorgte, hatte plötzlich viel Zeit für anderes. Da kam ihm die Renovierung des Kornhauskeller-Gastraums mit seinen historischen Fresken gerade recht. «Wir haben unter anderem das ganze Beleuchtungssystem ausgetauscht.» Die imposanten Kronleuchter funkeln jetzt noch heller und ressourcenschonender. Kabeya entdeckt eine defekte Lampe – und holt die fünf Meter hohe Leiter. Pendenzen lassen ihm keine Ruhe. «Ich erledige immer alles subito», verrät er. Die rund 90 Mitarbeitenden im Haus schätzen sein ausgeprägtes Servicedenken. «Ich helfe immer. Und jedem. Wir sind hier eine Familie.» Wobei das mit der Familie bei den Kabeyas durchaus wörtlich zu verstehen ist: Seine Frau arbeitet ebenfalls im Kornhauskeller. In der Küche, seit elf Jahren. Sein Bruder gar noch länger als Kabeya selber: 26 Jahre. «Ja, wir sind treue Seelen», konstatiert er. Treu ist er auch seiner Muttersprache geblieben. Obwohl schon zwei Jahrzehnte in der Schweiz und mittlerweile auch Besitzer des Schweizer Passes, spricht er nur wenig Deutsch. «Die Leute sprechen einfach immer Französisch mit mir, was soll ich machen?» 
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Treppe hoch, Treppe runter ...

Er schaut auf die Uhr. «Ich muss nun unbedingt die Abfallcontainer bereitstellen. Gleich kommt die Abfuhr», meint er und steigt die antike Holztreppe hoch. «Oh nein, es tropft wieder von der Decke!» Schnell holt er im Materialraum einen Plastikbehälter, um das Wasser aufzufangen. «Bei so einem alten Haus gibt es immer irgendwo etwas zu reparieren, c’est la vie.» Um dieses Leck will er sich später kümmern. Draussen positioniert er die Container am richtigen Ort und sieht, dass sich auch schon der nächste Lieferant vor dem Warenlift in Position gebracht hat. Bis kurz nach elf Uhr läuft Kabeya auf Hochtouren, rennt zigmal vom Keller hoch in den vierten Stock, wo sein Handwerksmaterial lagert, und wieder runter zum Warenlift im Hinterhof. Erst gegen Mittag gönnt er sich eine Pause, zu Hause in einem Vorort von Bern, bevor er pünktlich um 17 Uhr wieder im Betrieb ist. «Wenn Küche und Service wieder losgehen, muss im Hintergrund alles bereit sein.» Das bedeutet, dass er vor dem Mittag auch noch kurz bei Küchenchef Jorge Peixoto vorbeischaut, eine Dichtung am Steamer ist defekt. Also wieder runter ins zweite Untergeschoss. Die Begrüssung ist herzlich, die beiden kennen sich seit Kabeyas Anfängen. «Jorge war mein erster Chef hier.» Das Problem ist schnell gefunden – und behoben. «Meistens kann ich selber helfen. Nur bei den kniffligen Fällen hole ich den Fachmann.» Beim Weggehen nimmt Kabeya gleich noch zwei leere Bierfässer mit. Er läuft durch den hergerichteten Saal – «Hast du unser neues Geschirr und die Servietten gesehen?» – und entschwindet mit seinem breiten Lachen wieder in sein Reich: hinter die Kulissen.
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