30 Jahre Mastroberardino

30 Jahre Mastroberardino

Piero Mastroberardino
«Wir sind der Übersetzer, der die Natur interpretiert»

Seit 30 Jahren verbindet uns eine fruchtbare Beziehung mit dem kampanischen Weingut Mastroberardino. Zum Jubiläum verrät uns Piero Mastroberardino, wie Geschäftsreisen anno 1900 abliefen, warum sein Vater ein Dickkopf war, und wie 90 Jahre alter Taurasi schmeckt.

Piero Mastroberardino, wie lange ist Ihre Familie schon im Weinbau tätig?
Ich gehöre zur zehnten Generation. Die ersten Aufzeichnungen über Weinverkäufe, die wir besitzen, gehen zurück auf das Jahr 1754. Gegründet wurde das Haus von Pietro Lorenzo di Berardino. Er nahm den Titel «Mastro» an, Handwerksmeister. Daraus wurde später Mastroberardino. Heute umfasst das Weingut 200 Hektar sowie ein Resort mit Restaurant, Hotel, Spa und Golfplatz.

Sie blicken nicht nur auf eine lange Weinbaugeschichte zurück, sondern auch auf eine frühe Exporttradition.
Das stimmt. Bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, im Jahr 1878, begann mein Urgrossvater, Wein zu exportieren. Zunächst innerhalb von Europa, etwas später auch nach Nord- und Südamerika. Das war eine Pionierleistung. Vor allem verschiffte er die Weine nicht in Fässern, wie damals üblich, sondern bereits in Flaschen. Wir haben wunderbare alte Briefe aus dem 18. und 19. Jahrhundert, welche die Reisen unserer Handelsvertreter beschreiben.

Wer waren die Abnehmer?
Meine Vorfahren gingen sehr intelligent vor. Zunächst richteten sie sich an italienische Restaurants. Dann weiteten sie ihren Kundenkreis langsam aus, in Nordamerika etwa auf irische Kunden, in Südamerika auf Spanier und Portugiesen.

Haben Sie Aufzeichnungen aus dieser Zeit?
Oh ja! Wir verfügen über umfangreiche Aufzeichnungen über die Kunden: wer sie waren, was sie kauften und warum. Auch Fotos von den Überfahrten ab Ende des 19. Jahrhunderts haben wir noch im Familienarchiv, Bilder von den Partys auf dem Schiffsdeck, Beschreibungen des Zeitvertreibs. Das war damals noch eine andere Art, geschäftlich zu reisen!

Wie unterschied sich der damalige Weinbau von heute?
Die Reberziehung sieht heute ganz anders aus. Früher standen 1500 Stöcke auf einem Hektar, jetzt sind es 5000. So können wir heute das Wachstum genau steuern, die Reben konkurrieren optimal miteinander, die Balance zwischen Wurzeln, Blättern und Frucht ist perfekt. Es ist wirklich ein goldenes Zeitalter für die einheimischen Trauben Süditaliens.

Ihre Familie hat sich immer auf die Rebsorten Kampaniens konzentriert.
Ja, schon immer, das hat sich nie geändert. Aus der griechischen Ära sind uns Greco und Aglianico erhalten, aus römischen Zeiten Fiano, Falanghina, Piedirosso und Coda di Volpe. Damit arbeiten wir noch heute. Die Kontinuität steckt in der Flasche. Wenn man 80 oder 90 Jahrgänge des gleichen Weins vorweisen kann, wird dieser greifbar. Wichtig ist uns, den einheimischen Trauben neue Perspektiven zu geben, ohne ihnen die Wurzeln zu rauben.

Hat sich der Stil der Weine über die Zeit verändert?
Ja, natürlich. So haben wir beispielsweise die Weissweine früher im Holz vergoren. Sie waren dunkler als heute, hatten weniger Frucht. Im Jahrgang 1980 hat mein Vater das geändert. Heute fermentieren wir sämtliche Weissweine im Stahltank.

Einst wären die autochthonen Trauben beinahe ausgestorben…
Als der Zweite Weltkrieg vorüber war, lagen die Rebberge verlassen da. Mein Vater baute das Gut wieder auf. Und er wiedersetzte sich den Empfehlungen der Universitäten, die traditionellen Trauben durch produktivere Sorten wie Trebbiano und Sangiovese oder französische Modereben wie Cabernet Sauvignon zu ersetzen. Ihm verdanken wir, dass wir den Faden nicht verloren haben.

Haben sie jemals gezweifelt, ob die Konzentration auf autochthone Trauben noch der richtige Weg ist?
Niemals. Da gehe ich mit meinem Vater einig. Er war zwar ein sehr rationaler und durchaus geschäftstüchtiger Mann, aber er war auch ein Renaissance-Mensch: Er liebte Kunst und Kultur und war sehr romantisch. Und er kam aus den Bergen, das heisst er war mit reichlich Eigensinn und Durchhaltevermögen ausgestattet. Er sagte immer: «Wir müssen unsere Weine von Jahr zu Jahr verbessern, aber wir dürfen nie unser Erbe verleugnen. Wenn wir nur genügend Willensstärke zeigen, wird der Erfolg folgen. Wir haben eine lange Geschichte im Rücken.» Mein Vater hat mich erzogen, nicht nur ans Heute zu denken.

Wie weit geht Ihr Flaschenarchiv zurück?
Die ältesten Flaschen sind 90 Jahre alt.

Wie lange sind die Weine haltbar?
Einst hielt ein Taurasi hundert Jahre. Heute hält er wahrscheinlich noch länger, weil wir die Weinbereitung besser beherrschen.

Erzählen sie uns etwas über das Pompei-Projekt.
Ein wunderbares Projekt! 1996 konnten wir in der Ausgrabungsstätte von Pompei Reben pflanzen. Und zwar genau die Trauben, die einst dort standen, und exakt am selben Ort. Das wissen wir aus antiken Aufzeichnungen und durch die Arbeit der Archäologen.

Und heute produzieren Sie dort Wein.
Genau. Der Wein heisst Villa die Misteri und wird aus Piedirosso und Sciascinoso gekeltert.

Wieviel weiss man darüber, wie die alten Römer Wein machten?
Oh, fast alles. Sie haben sämtliche Schritte aufgezeichnet, von der Reberziehung über die Vergärung bis zur Versetzung der Weine mit Zucker und Honig. So wissen wir beispielsweise, dass die römischen Rebberge eine enorme Pflanzdichte hatten: 8000 bis 10‘000 Stöcke pro Hektar. Auch über die kulinarische Kultur wissen wir einiges. Wir haben sogar schon römische Wine & Dines veranstaltet.

Angeblich ist die antike römische Küche ziemlich ungeniessbar….
(Lacht.) Das stimmt leider!

Sie haben zwei Töchter. Sind sie geneigt, die Familientradition fortzuführen?
Mein Vater hat nie Druck auf mich ausgeübt, und ich halte es mit meinen Töchtern genauso. So etwas muss reifen.

Was ist ihr Vermächtnis an die nächste Generation?
Unsere Weine sind zeitlose Klassiker. Sie erwachsen aus vier Faktoren: dem Boden, der Traube, dem Klima und der menschlichen Hand. Wir sind der Übersetzer, der die Natur interpretiert. Ich möchte die Qualität unserer Weine steigern, aber gleichzeitig darüber wachen, dass die Emotion nicht verloren geht. Es gibt schon zu viele Weine, die technisch perfekt sind, aber keinerlei Gefühl vermitteln.

In welchem Alter mögen Sie den Taurasi am liebsten?
Der Taurasi ist ein Wein, der ein Jahrhundert überdauern kann und einem dabei immer wieder neue Erlebnisse und Glücksgefühle verschafft. Für mich persönlich kann er nie alt genug sein.

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